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Bei einem Besuch in den Uffizien erstaunten mich die Portraits des Herzogs und der Herzogin von Umbrien von Piero Della Francesca. Die beiden Profilgemälde hängen sich gegenüber. Ihre beiden Blicke wirken wie für die Ewigkeit miteinander verzahnt. Es war wie zwei Individuen mit verflochtenen Schicksalen zu betrachten, die sich dennoch niemals wirklich treffen.

Das Gemälde symbolisiert für mich meine eigene Beziehung als libanesischer Mann, mit Sandro, einem Italiener. Geteilte Leidenschaften, gemeinsame kulturelle Referenzen und eine unerklärliche Chemie führen uns ständig zusammen, aber gleichzeitig sind wir mit realen und imaginierten Grenzen konfrontiert, die verhindern, dass unsere beiden Welten und Realitäten sich vereinen.

In den letzten vier Jahren sind wir ein nomadisches Paar geworden, das sich auf Reisen und zu Ferien in Europa trifft. Nach und nach habe ich entwickelte ich eine Obsession, diese gemeinsamen Momente, die irgendwie sinnbildlich für das Glück mit dem geliebten anderen sind, festzuhalten. Ich nahm Geräusche auf, schoss Unmengen an Fotos und drehte mit meiner Kamera und meinem Telefon kurze Videos. Zurück in meiner Beiruter Wirklichkeit versuchte ich diese Momente anhand des wachsenden Archivs und meiner ausweichenden Erinnerungen zu rekonstruieren. Ich war mir jedoch der Unmöglichkeit bewusst, ein Narrativ für diese Beziehung herzustellen, dass auf eingespielter alltäglicher Routine und gemeinsamen Zukunftsaussichten basiert.

Ich komme aus einem Teil der Welt, in dem Homosexualität kriminalisiert wird und dunkle Kräfte von Extremismus und Intoleranz ständig über individuellen Hoffnungen schweben. Sandro kommt aus einer europäischen Realität, die immer mehr auf eine scheinbare Utopie für das schwule Individuum und das schwule Paar zugeht.

Es gibt ganz reale Schranken zwischen uns, die damit zusammenhängen, dass e smit einem libanesischen Pass schwierig für mich ist, in Europa zu leben, das seine Grenzen für EinwandererInnen aus dem Süden zunehmend verschließt. Ausserdem erkennt Italien die Homo-Ehe oder irgendeine andere Form der Union zwischen Homosexuellen nach wie vor nicht an.

Aber über diese konkreten Faktoren, die uns trennen hinaus hat unsere Situation eine tiefere Diskussion über das Wesen einer Paarbeziehung in unserer modernen Welt ausgelöst; darüber, was es heißt sein Leben mit jemandem zu teilen, eine Familie zu gründen oder von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen.

Diese Gedanken und Faktoren wurden die Grundlage für meinen Film Eccomi … Eccoti, ein intimer poetischer und politisch essayistischer Film.

Der Film ist als virtuelle Reise zwischen dem Libanon und Europa aufgebaut; eine Kollage aus unterschiedlichem Bild- und Tonmaterial. Im Libanon suche ich nach Frieden und Anerkennung in meinem sozialen Umfeld. Mir der drohenden Gefahr “erwischt” oder als schwul entdeckt zu werden, werde ich fatalistisch in den Strudel des Exils und sozialer Ausgrenzung gerissen. Ich wandle durch die Stadt meiner Kindheit und Jugend, um einen Platz für mich zu finden und die zerbrochene Beziehung zu meinem Vater zu reparieren.

Während meiner Reisen nach Europa erlebe ich die Glückseligkeit von Freiheit und Sicherheit, aber ich bin mir auch der kollektiven Gleichgültigkeit und einsamen Anonymität, der ich ausgesetzt sein kann bewusst.

In diesem Schwebezustand zwischen zwei Realitäten zunehmend auseinander klafternder Welten scheint der Trost nur aus der Wärme der gemeinsamem trivialen Existent mit dem Anderen zu kommen. Und wenn es unmöglich ist, den Alltag mit dem Anderen zu teilen, dann kann nur das Kino die Fragmente zusammenflicken um ein scheinbar ununterbrochenes Narrativ herzustellen. (Raed Rafei)

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